Spielbank unter Druck: Strukturelle Brüche im Alpenraum und neue rechtliche Weichenstellungen in Europa

Seit Beginn des Jahres 2026 verdichten sich in mehreren europäischen Kernmärkten parallel Entwicklungen, die die Rahmenbedingungen für die Spielbank nachhaltig verändern. Regulatorische Eingriffe, steuerpolitische Maßnahmen und juristische Neubewertungen greifen zunehmend ineinander und entfalten eine kumulative Wirkung auf Marktstruktur, Ertragsmodelle und Investitionssicherheit. Besonders deutlich treten diese Verschiebungen im Alpenraum sowie im deutschsprachigen Rechtsraum zutage, wo nationale Besonderheiten auf grenzüberschreitende Effekte treffen.
Die aktuellen Veränderungen betreffen dabei nicht nur einzelne Standorte, sondern stellen die Rolle staatlicher Casinos im regulierten Glücksspielmarkt insgesamt infrage. Während politische Akteure primär mit Spielerschutz, fiskalischen Zielen und Marktordnung argumentieren, sehen sich Betreiber mit sinkender Planbarkeit und wachsendem Anpassungsdruck konfrontiert. Parallel dazu verlagert sich ein Teil der Nachfrage zunehmend in den digitalen Bereich, was die strukturelle Asymmetrie zwischen stationären Angeboten und online Spielbanken weiter verstärkt.
Grenzüberschreitende Sperrsysteme: Liechtenstein verliert seine Ausweichfunktion
Liechtenstein erlebt seit Januar 2026 eine tiefgreifende Marktveränderung. Mit der vollständigen Umsetzung des automatischen Sperrlistenaustauschs zwischen der Schweiz und dem Fürstentum ist eine langjährige Ausweichfunktion faktisch entfallen. Spieler, die in der Schweiz gesperrt sind, erhalten nun auch in allen liechtensteinischen Spielbanken keinen Zutritt mehr.
Diese Maßnahme trifft einen Markt, der über Jahre hinweg stark von grenzüberschreitenden Besucherströmen geprägt war. Ein erheblicher Anteil der Umsätze resultierte aus Schweizer Gästen, die nationale Sperrsysteme gezielt umgingen. Mit dem Wegfall dieser Möglichkeit ist die Nachfrage in kurzer Zeit massiv eingebrochen.
Branchennahe Schätzungen sprechen von Besucherrückgängen von bis zu 85 Prozent an einzelnen Standorten. Für einen Markt mit lediglich sechs konzessionierten Casinos stellt dies eine strukturelle Zäsur dar. Fixkosten für Personal, Sicherheit und Infrastruktur lassen sich kurzfristig kaum reduzieren, wodurch die wirtschaftliche Tragfähigkeit mehrerer Betriebe infrage steht.
Gleichzeitig entstehen neue regionale Ungleichgewichte. Während die Schweiz und Liechtenstein regulatorisch faktisch einen gemeinsamen Raum bilden, bleiben Deutschland und Österreich vorerst außerhalb dieses Sperrverbunds. Erste Marktbeobachtungen deuten darauf hin, dass sich Spielerverhalten in diese Richtungen verlagert, was dort mittelfristig neue regulatorische Diskussionen auslösen könnte.
Österreich: Steuerpolitik als struktureller Belastungsfaktor
Auch in Österreich verschärft sich die Lage für staatliche Casinos, allerdings primär aus fiskalischen Gründen. Die geplante Erhöhung der Glücksspielabgabe sowie Anpassungen bei wettbezogenen Gebühren sollen dem Staat erhebliche Mehreinnahmen sichern. Für das Jahr 2026 werden zusätzliche Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe erwartet.
Für die Casinos Austria bedeutet dies einen deutlichen Anstieg der Abgabenlast. Die Erhöhung der Glücksspielsteuer um rund zehn Prozent zwingt den Betreiber, das bestehende Standortnetz neu zu bewerten. Erstmals seit Jahren geraten dabei auch etablierte Häuser offen in den Fokus strategischer Überlegungen.
Besonders betroffen sind Standorte mit starker touristischer Ausrichtung, darunter Velden, Zell am See, Kitzbühel und das Kleinwalsertal. Diese Casinos fungieren nicht nur als Spielstätten, sondern als regionale Wirtschaftsfaktoren für Hotellerie, Gastronomie und Veranstaltungswirtschaft. Entsprechend deutlich fällt der Widerstand aus den betroffenen Regionen aus.
Branchenvertreter gehen davon aus, dass bei Umsetzung der geplanten Steuersätze zwischen 30 und 40 Prozent der heutigen Standorte mittelfristig nicht mehr kostendeckend betrieben werden könnten. Die Diskussion verlagert sich damit von einer reinen Steuerfrage hin zu einer grundlegenden Bewertung der Rolle staatlicher Spielbanken im österreichischen Standortmodell.
Deutschland: Evaluierungsjahr, Rechtsprechung und Marktakzeptanz
In Deutschland hat mit dem 1. Januar 2026 das im Glücksspielstaatsvertrag vorgesehene Evaluierungsjahr begonnen. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder muss bis zum Jahresende belegen, dass das regulierte Angebot ausreichend attraktiv ist, um Spieler wirksam vom illegalen Glücksspielmarkt fernzuhalten. Grundlage hierfür ist der Glücksspielstaatsvertrag 2021.
Parallel dazu zeichnet sich eine juristische Neubewertung ab, die das bisherige Kräfteverhältnis zwischen Spielern und Anbietern verschiebt. In mehreren Entscheidungen, unter anderem durch den Obersten Gerichtshof in Österreich sowie durch entsprechende Tendenzen in Deutschland, wird zunehmend vertreten, dass Rückforderungsansprüche nicht einseitig zugunsten der Spieler gelten.
Diese sogenannte Rückforderungs-Wende verändert die Risikowahrnehmung erheblich. Die bislang stark zunehmende Klagepraxis gegen Wettanbieter und Online-Casinos verliert ihre bisherige Einseitigkeit. Für Spieler entsteht erstmals die reale Möglichkeit, selbst in Rückzahlungsverpflichtungen zu geraten, wenn sie an nicht regulierten Angeboten teilnehmen.
Für den legalen Markt hat diese Entwicklung eine doppelte Wirkung. Einerseits stärkt sie die Abgrenzung zwischen erlaubtem und unerlaubtem Glücksspiel und unterstreicht die Bedeutung von Lizenzierung und Compliance. Andererseits kann die wachsende rechtliche Unsicherheit auf Nutzerseite kurzfristig zu Zurückhaltung führen, was sich auch auf Zahlungsströme und operative Abläufe auswirkt, insbesondere im Zusammenspiel mit digitalen Angeboten.
Zusätzlich wird in Deutschland über eine weitere Verschärfung der Werbebeschränkungen diskutiert, insbesondere im digitalen Raum und in sozialen Medien. Sollten diese Maßnahmen umgesetzt werden, würden sich die Rahmenbedingungen für staatliche Casinos und konzessionierte Anbieter weiter einengen.
Stabilität unter Kostendruck: Luxemburg und Belgien
Im Vergleich zu den beschriebenen Umbrüchen zeigen sich Luxemburg und Belgien bislang stabil. Es sind keine abrupten regulatorischen Einschnitte oder grundlegenden Marktverwerfungen zu beobachten. Dennoch geraten auch hier die Betreiber zunehmend unter wirtschaftlichen Druck.
Ab 2026 treten neue arbeitsrechtliche Vorgaben in Kraft, darunter das sogenannte Recht auf Abschalten, das die Erreichbarkeit von Mitarbeitern außerhalb der Arbeitszeit einschränkt. Ergänzend wirken automatische Lohnindexierungen, die insbesondere in inflationsgeprägten Phasen zu spürbaren Kostensteigerungen führen. Eine Übersicht der arbeitsrechtlichen Grundlagen findet sich bei der luxemburgischen Regierung.
Für staatliche Casinos in diesen Ländern bedeutet dies vor allem steigende Personalkosten, ohne dass entsprechende Erlössteigerungen absehbar sind. Die wirtschaftliche Stabilität bleibt erhalten, wird jedoch zunehmend von Effizienzsteigerungen und strukturellen Anpassungen abhängig.
Einordnung: Fragmentierung statt europäischer Harmonisierung
Die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen eine fortschreitende Fragmentierung des europäischen Glücksspielmarktes. Während einzelne Länder regulatorisch enger zusammenrücken, wie im Fall der Schweiz und Liechtensteins, entstehen gleichzeitig neue Bruchlinien zwischen benachbarten Rechtsräumen.
Fiskalische Maßnahmen wie in Österreich wirken dabei ebenso strukturverändernd wie juristische Neubewertungen und verschärfte Compliance-Anforderungen in Deutschland. Für staatliche Spielbanken bedeutet dies eine wachsende Abhängigkeit von nationalen Rahmenbedingungen bei gleichzeitig sinkender Planungssicherheit im grenzüberschreitenden Kontext.
Auffällig ist zudem, dass viele Maßnahmen isoliert begründet werden, ihre kumulative Wirkung jedoch kaum systematisch betrachtet wird. Sperrsysteme, Steuererhöhungen, Werbebeschränkungen und arbeitsrechtliche Vorgaben greifen ineinander und verändern das Anbieterumfeld nachhaltig.
Ausblick
Das Jahr 2026 markiert für staatliche Casinos in Europa weniger einen einzelnen Wendepunkt als den Beginn einer Phase struktureller Neujustierung. Die Ergebnisse des deutschen Evaluierungsjahres, mögliche Anpassungen der österreichischen Steuerpolitik und weitere grenzüberschreitende Kooperationsmodelle werden entscheidend dafür sein, wie sich der regulierte Glücksspielmarkt in den kommenden Jahren entwickelt. Eine kurzfristige Rückkehr zu früheren Marktmechanismen ist dabei nicht zu erwarten.